Hakel-Kurzmeldung


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Sonntag, den 26. September 2010 um 11:32 Uhr

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Der Milan dreht ab

(von Hendrik Kranert, 06.04.2010, Mitteldeutsche Zeitung/Naumburger Tageblatt)

HETEBORN/MZ. In Sachsen-Anhalt droht eines der wichtigsten Vogelschutzgebiete seine Bedeutung zu verlieren. Im Hakel, einem Waldgebiet bei Aschersleben, ist die Greifvögel-Population dramatisch gesunken. "Es ist fünf nach zwölf, weil Sachsen-Anhalt bis heute keinen Managementplan für einen allumfassenden Schutz des Gebietes aufgestellt hat", sagte Andreas von Lindeiner, Präsident des Rates für Vogelschutz in Deutschland. Den Plan wird es indes nach Aussagen des Umweltministeriums nicht geben. "Wir erarbeiten stattdessen eine alternative Regelung für die Forstwirtschaft im Hakel", so Ministeriumssprecher Thomas Kunstmann.

Ein mildes Licht bricht sich dieser Tage im Hakel seine Bahn. Noch hält kein Blatt an uralten Eichen und Buchen die Sonnenstrahlen zurück, denen sich abertausende Buschwindröschen entgegenrecken. Ein riesiger Teppich in weißem und zartrosa Pastell breitet sich aus. Die Idylle vom Wald - hier, in dem winzigen Naturschutzgebiet, das wie eine Insel zwischen Harzvorland und Börde liegt, ist sie zu finden. Doch Michael Stubbe hat dafür keinen Blick mehr. Der Zoologe von der Uni Halle, der seit 30 Jahren im Hakel forscht, braucht nur ein einziges Wort, um die Situation im Hakel zu beschreiben: "Katastrophal."

Stubbes Pessimismus nährt sich aus dem, was der Hakel einmal war und inzwischen geworden ist: In dem gerade einmal sechs Kilometer langen und ungefähr genau so breiten Schutzgebiet brüteten zu DDR-Zeiten 130 Paare des vom Aussterben bedrohten Roten Milans. Hinzu kamen sein Verwandter, der Schwarze Milan, und etliche Schreiadler-Pärchen - beide Arten ebenfalls stark gefährdet. "Der Hakel war ein Top-Gebiet in Deutschland, ja in Europa", sagt Andreas von Lindeiner, Präsident des Rates für Vogelschutz in Deutschland. Nirgendwo sonst in Deutschland gab es eine höhere Greifvogeldichte - mehr Rote Milane brüteten nur noch in Spanien auf so kleiner Fläche. Aus diesem Grund wurde das Reservat 1992 in den Rang eines Europäischen Vogelschutzgebietes erhoben.

Zu diesem Zeitpunkt begann im Hakel bereits die Greifvogel-Population zu sinken. Den Grund sehen Experten in der Umstellung der Landwirtschaft nach der Wiedervereinigung. Von den bis zu 30 Feldfruchtarten, die noch 1989 angebaut wurden, blieben nur etwa fünf übrig, schätzt Stubbe. Vor allem der Raps macht den Greifen zu schaffen. Dessen Pflanzenteppich ist so dicht, dass Milan und Co. ihre Beute - Mäuse und Hamster - nicht mehr ausmachen können. Die Altvögel begegnen der Misere mit einer Ausdehnung ihres Aktionsradius hin in menschliche Siedlungen. Sie geben sich auch mit abgenagte Kotelettknochen zufrieden. Doch für die Jungvögel im Nest reicht es nicht - die verhungern, sagt Stubbe.

Im Jahr 2000 wurde der dramatische Rückgang der Greife im Hakel immer offenkundiger - auf mehreren Konferenzen wurde nach einer Lösung gesucht und auch scheinbar gefunden: Die Felder sollten Mäuse- und Hamster- und damit Greifvogel-freundlicher werden. Allein die Deutsche Bundesstiftung Umwelt stellten eine Dreiviertel Million Euro zur Verfügung, um mehr als 60 Kilometer Feldhecken zu pflanzen, Feldwege zu schmälern, Streuobstwiesen anzulegen und Luzerne anzupflanzen. Diese Futterpflanze war es, die nach Ansicht des Hederslebener Landwirts Lutz Trautmann zu DDR-Zeiten dafür sorgte, dass sich der Milan so vermehren konnte. Luzerne wurde geerntet, wenn die Milane brüteten - der rechte Zeitpunkt, um ausreichend Beute zu machen. "Hinter manchem Häcksler sind die Milane hergezogen wie Möwen hinter einem Fischkutter", so Trautmann.

Doch als das Hakel-Projekt vor drei Jahren auslief, hatte sich die Population des Roten und des Schwarzen Milans nicht erholt - im Gegenteil. "Wir haben derzeit gerade noch fünf Brutpaare je Art", sagt Zoologe Stubbe. Bei den Schreiadlern ist es gar nur noch ein Pärchen. Da ist es für Stubbe auch kein Trost, dass in diesem Jahr zum ersten Mal ein Paar Seeadler im Hakel brütet.

Den sich "dramatisch verschlechternden Zustand" führt Stubbe auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen kümmere sich nach Auslaufen des Hakel-Projektes niemand mehr um die Pflege der Feldhecken und Streuobstwiesen. Schlimmer aber sei, dass im Hakel selber die Forstwirtschaft ohne Rücksicht auf die Greife zu Werke gehe. "Da wird Holz eingeschlagen, was das Zeug hält, darunter befinden sich auch viele Horst-Bäume", so Stubbe. Besonders empörend sei, dass dies auch nach dem 15. März erfolge - wo dieses Arbeiten hätten beendet sein müssen. Und inmitten des Jagdreviers der Vögel würden immer mehr Windkraftanlagen gebaut. "Die sind gerade für den Roten Milan gefährlich, weil der genau in der Höhe der Rotorblätter seine Kreise zieht", bestätigt Vogelschutz-Präsident von Lindeiner.

Kurz: Das Land Sachsen-Anhalt vernachlässige sträflich das von der EU auferlegte Verschlechterungsverbot für solche herausragenden Schutzgebiete. "Es gibt noch immer keinen Managementplan für den Hakel, obwohl wir den seit Jahren fordern", sagt Stubbe. Das Land habe trotz Millionen-Förderung von der EU keinen aufgestellt - und will dies auch künftig nicht tun, wie ein Sprecher des Umweltministeriums sagte. Man halte Sonderregelungen für den Holzeinschlag für ausreichend.

Derweil droht den verbliebenen Greifen im Hakel neue Gefahr: Nur zwei Kilometer nordöstlich beginnt die Startbahn des Flughafens Cochstedt. Dort soll bald der reguläre Betrieb mit großen Jets beginnen. Der Naturschutzbund ist zwar nach Aussagen seiner Landeschefin Annette Leipelt nicht generell gegen den Flugbetrieb. "Wir pochen aber zum Schutz der Greife auf eine südliche Anflugroute." Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) habe ihr versprochen, sie in die Planungen mit einzubeziehen. "Bis heute habe ich aber noch nichts von ihm gehört", so Leipelt. Zoologe Stubbe bleibt da pessimistisch: "Wenn das so weitergeht, kann ich 30 Jahre Forschung in die Tonne kloppen."

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 04. Oktober 2010 um 17:18 Uhr